Normaler Drill ist heute Schikane

Junge Männer als Soldaten kaum noch zu gebrauchen?

Zu dick? Zu faul? Zu weich? Körperlich untauglich und/oder psychisch labil? Das Bundesheer findet heute kaum noch geeignete Rekruten für die soldatische Grundausbildung – vor fünfzig Jahren konnte das Militär noch aus dem Vollen schöpfen!

Was ist bloß mit unserer Jugend los? Sind die jungen österreichischen Männer nur noch Warmduscher und Weicheier? Weil sich Gardesoldaten des Bundesheeres in ihrer Grundausbildung schikaniert fühlten, rückten unlängst sofort mehrere Nationalratsabgeordnete und Mitglieder der Parlamentarischen Bundesheerkommission zur Überprüfung der Vorwürfe in die Radetzky-Kaserne nach Horn aus.

Dort erhalten die künftigen Gardisten heute ihre militärische Basisausbildung, bevor diese zum Einsatz- und Repräsentationsbataillon in die Wiener Maria Theresien-Kaserne übersiedeln, um dort dann stramm und drillmäßig das Marschieren und „Gewehrklopfen“ weiter zu trainieren.

Der Exerzierdienst bei der Garde ist hart, die Gardegrundausbildung ist es wohl noch immer nicht. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe einmal selbst zu dieser Truppe gehört. Das ist zwar schon viele Jahre her, doch so viel dürfte sich seitdem nicht geändert haben. Weil die heutigen, angehenden Gardisten in Horn zügig essen und duschen müssen, fühlen sie sich schikaniert, und beschwerten sich darüber.

Laufschritt im Dienst war für uns obligatorisch

Na sowas! Soweit ich mich erinnere, hatten seinerzeit meine Kameraden und ich bei der Grade alle Verrichtungen ebenfalls rasch zu erledigen. Darüber hinaus mussten wir auch noch Putzen bis die Schwarte krachte. Ich persönlich lieber mehr Gefechtsdienst gehabt, was aber leider nicht der Fall war.

Darüber habe ich mir schon beizeiten meinen Frust in meinem Erlebnisbericht „Meine Tage bei der Garde“ heruntergeschrieben. Ich absolvierte damals die Grundausbildung noch in der Maria-Theresien-Kaserne und zu den wenigen Geländeübungen rückten wir in die Lobau aus.

Ich war am 1. April 1968 zunächst voller Freude und Tatendrang eingerückt war, weil ich glaubte, ich käme zu einer Elitetruppe und der Start begann auch vielversprechend.

Mit Brüllen sollten wir eingeschüchtert werden

Bewegung, ihr Säcke!“

Die dröhnende Stimme des Unteroffiziers, der uns Gardisten-Frischlinge in den Waschraum scheuchte, verfehlte ihre Wirkung nicht. Wir legten rasch an Tempo zu und erfuhren, dass wir uns während der Dienstzeit nur noch im Laufschritt fortzubewegen hätten.

Schlagartig wurde uns damit klar: Die Zeiten des gemütlichen Herumlatschens, wie dies Zivilisten gern tun, sind vorbei. Auch andere Befehle wurden unablässig durch das Kompaniegebäude gebrüllt und unter jedem gebrüllten Kommando zuckten wir zusammen.

„Das kann ja heiter werden“, dachten wir, ohne zu ahnen, dass das Schreien nur dazu diente, ums einzuschüchtern. Damit wollte man uns zeigen, wer unsere neuen Mütter und Väter sind, denen wir jetzt zu gehorchen haben.

Von nun an werden nur noch der Dienstplan und die Ausbilder unseren Alltag bestimmen, hatten uns die Unteroffiziere schon bei unserer Ankunft eingebläut: „Soll nur ja niemand glauben, dass er hier eine Extra-Wurst gebraten bekommt!“

Das war Musik in meinen Ohren, weil mich dieser Ton glauben ließ, offenbar wirklich in einem Eliteverband gelandet zu sein. Aus Filmen wusste ich, dass die Umgangssprache in solchen Einheiten immer etwas rauer ist. Aber ich sollte ich mich täuschen…

„Anschiss“ bei schlampiger Bekleidung

Ich hatte mich gerade ein wenig an das militärische Leben gewöhnt, da musste ich meine Annahme korrigieren. Denn bei näherer Betrachtung war mein neues zu Hause eher ein Dressman- und Putzmännerbataillon, noch dazu eines mit Ballett-Ambition wegen des vielen Exerzierens im Paradeschritt. Der riesige Platz in der Kaserne hätte mich eigentlich stutzig machen müssen. Jedem, der durch das Haupttor der Kaserne kommt, sticht dieser sofort ins Auge.

Antreten zum Exerzieren

Mir war natürlich schon vorher bekannt gewesen, dass das Exerzieren bei der Garde wegen ihrer Repräsentationsaufgaben notwendig und unerlässlich ist, und in Verbindung mit einem harten Kampftraining, wie ich annahm, war ich auch bereit gewesen, das Marschieren und das „Gewehrgriffe klopfen“ willig in Kauf zu nehmen.

Doch was passierte, wenn wir einmal nicht exerzierten? Dann wurde nicht „gekämpft“, sondern gereinigt und geputzt bis die Finger glühten. Denn ein adrettes Aussehen in einer gepflegten Montur waren nach Auffassung des damaligen Bataillonskommandeurs, das Allerwichtigste für seine Soldaten. Daher hat der sich immer vornehm gebende Bataillonschef im Rang eines Oberstleutnants, Heinrich Philipp, auch höchstpersönlich und sehr penibel über das gute Erscheinungsbild seiner Gardisten gewacht. Begegnete ihm einer in der Kaserne oder wo auch sonst immer in schlampiger Adjustierung, war dem Gardesoldaten und seinen Vorgesetzten ein „Anschiss“ gewiss.

Akribisches reinigen und Putzen nervte

Der bei jeder Gelegenheit praktizierte Reinlichkeitsfimmel begann mich schnell zu nerven. Denn fast nichts in unserer Kompanie blieb vor unserem säubernden Zugriff verschont: Gebäude, Zimmer, Waffen, Tornister, Uniformen und vor allem unsere Paradeschuhe mit den weißen Gamaschen wurden akribisch poliert und auf Hochglanz gebracht.

Die Gamaschen hatten so blendend weiß zu leuchten, als hätte sie der „Weiße Riese“ persönlich gewienert. Mit dem perfekt geputzten Schuhschutz stelzten wir dann im Paradeschritt über die Plätze und Straßen von Wien und waren dabei so diszipliniert und beeindruckend wie die Lipizzaner bei einer Vorführung in der Spanischen Hofreitschule.

Diese hohe Kunst des Paradierens und Marschierens schien neben dem dafür nötigen Training offenbar auch einen ständigen Kleiderwechsel zu erfordern: Unentwegt hieß es nämlich raus aus dem Trainingsanzug und rein in die Paradeuniform oder in die 3er- beziehungsweise auch 1er-Garnitur (A-Garnitur). Der Gardenachwuchs von heute hätte sich darüber vermutlich prompt beschwert.

Ich war nur enttäuscht darüber, denn den Dienst in einer Garde – und in anderen Ländern sind die Gardetruppen Eliteverbände – hatte ich mir anders vorgestellt.

Als Lohn für unsere Plackerei an der Umzieh-, Putz- und Exerzierfront durften wir unsere Ausgehuniform mit der rotweißen Gardeschnur schmücken. Damit hatten wir ein Alleinstellungsmerkmal und die Rekruten von anderen Waffengattungen beneideten uns sehr darum. Denn viele der „Düsis“ – so hießen bei uns die frisch Eingerückten – hielten uns glatt für Offiziere und grüßten uns bei Begegnungen stramm und ehrerbietig.

Mit der Gardeschnur ließ sich gut Anbandeln

Mit unserem Uniformrock-Lametta beeindruckten wir aber auch die vielen amerikanischen und japanischen Touristinnen, die Wien im Sommer bevölkerten. Während meiner damals neun Monate dauernden Wehrdienstzeit war Ausgehen in Uniform Pflicht, wobei uns unsere schmucke Gardeschnur das Anbandeln auch mit den einheimischen Mädels sehr erleichterte. Man hatte sofort etwas, worüber man sich unterhalten konnte. An die Gardeschnur hätte ich mich gewöhnen können.

Woran ich mich allerdings partout nicht zu gewöhnen vermochte, war der permanente Adjustierungswechsel in der Kaserne. Eines Tages reichte es mir und ich leistete mir die Kühnheit, unseren Zugskommandanten vor versammelter Mannschaft zu fragen, warum wir Gardisten mehr als Mannequins agierten und weniger als Kämpfer? Sogar die Mädels in der benachbarten Modeschule Hetzendorf würden sich am Tag weniger umziehen als wir, schwadronierte ich, während sich die Mimik in den Gesichtern meiner Kameraden immer mehr verdüsterte. Sie ahnten vermutlich schon, was nun folgen würde.

Und täglich grüßt der „Maskenball“

Ich hatte auch noch nicht ausgeredet, da plusterte sich unser schwergewichtiger Zugskommandant, ein Offiziersstellvertreter, zur vollen Größe auf, stemmte dabei beide Arme in die nur noch zu erahnenden Hüften und plärrte mit puterrotem Gesicht durch den Innenhof der Kaserne: „Fertigmachen zum Maskenball!“

Kurze Ruhe vor dem Maskenball

Daraufhin ging ein Raunen und Murren durch die Reihen und ich wurde von den Kameraden mit bitterbösen Blicken überhäuft. Denn ein militärischer Maskenball war kein Anlass zur Freude, weil es sich dabei um keine glanzvolle Soiree handelte, wie man vielleicht denken könnte.

Bei einem militärischen Maskenball handelt es sich vielmehr um einen drillmäßigen Kleiderwechsel. Dieser musste in einer vorgegebenen und knapp gehaltenen Zeit erfolgen. Wer ihn nicht schaffte, musste Liegestütze „pumpen“.

Strafe für Bewegung im „ruhenden Glied“

Obwohl dies in unseren Augen eine Strafe war, war das Pumpen von Liegestützen eher eine Körperertüchtigungsmaßnahme. Sie sollte uns zu jenen Kräften zu verhelfen, die wir brauchten, um bei Staatsempfängen oder Ehrenwachen stundenlang regungslos in der Gegend herumstehen zu können und dabei nicht einzuknicken oder umzufallen. Körperzuckungen im „ruhenden Glied“ – so bezeichnet man beim Bundesheer eine still stehende Formation – wurden gnadenlos sanktioniert.

Fiel einem Gardisten bei einer so genannten Ehrenbezeugung vor einem ausländischen Staatsgast beispielsweise das so genannte Verschlussstück des Sturmgewehrs (damals ein StG 58) aus der Waffe, weil diese zu hart auf dem Boden aufgesetzt worden war, büßte dies der Verursacher mit dem Verlust der „FnD“-Erlaubnis.

Diese Erlaubnis war die Genehmigung, die Kaserne am Wochenende schon am „Freitag nach Dienst“ (FnD) verlassen zu dürfen. Wer diese nicht hatte, konnte erst am Samstagmittag weg, nachdem er vielleicht auch noch die Nacht davor als „KvT“ (Korporal vom Tag) eingeteilt war. Der „KvT“ ist so eine Art Kompanie-Concierge-Tätigkeit, welche es bei allen Waffengattungen des Bundesheeres gibt.

„Ranger“ Schimanko war mein Gruppenkommandant

Trotzdem fühlte ich mich bei der Garde bald kaum noch als Soldat, sondern mehr wie ein Nachtportier, vor allem nach einem „KvT“-Dienst, der zu Mittag des einen Tages begann und am darauf folgenden Tag zu Mittag endete. In dieser Zeit hatte man, zusammen mit einem zweiten Leidensgenossen, und mit einem Helm am Kopf an einem Tisch mit Telefon im Eingangsbereich der Kompanie zu sitzen, um im Fall eines Alarms die Offiziere, Unteroffiziere und Kameraden schnell zu mobilisieren.

Apropos Unteroffiziere! Diese sind bekanntlich das Rückgrat einer jeden Armee. Beim Kaderpersonal der Garde-Ausbildungskompanie gab es einen Zugsführer, der kurz vor der Beförderung zum Wachtmeister stand, und der mir sehr imponierte. Das war der 24-jährige Wiener Heinz Werner Schimanko, ein muskelbepackter und durchtrainierter Ausbilder, den nicht nur ich wegen seiner starken Persönlichkeit schätzte, auch wegen seines lässigen Führungsstils wurde er von vielen bewundert.

Mit mir und einigen anderen seiner Untergebenen pflegte er einen mehr als kameradschaftlichen Umgang. In der Kasernenkantine hatte ich schon beizeiten erfahren, dass Schimanko ein Absolvent des 4. Ranger-Kurses sei. Als Ranger-Kurs bezeichnete der Volksmund die Einzelkämpfer- und Kleinkriegsausbildung im Bundesheer. Offiziell hießen diese Lehrgänge Jagdkommandokurse und sie gehören zur härtesten militärischen Ausbildung, mit der die österreichische Armee aufzuwarten vermag.

Gefechtsdienstpause wie in der k. u. k.-Armee

So etwas hatte ich mir eigentlich unter der Garde vorgestellt gehabt. „Stattdessen war ich bei einem Haufen gelandet, der mich ein bisserl an die alte k. u. k.-Armee des Schriftstellers Alexander Roda Roda erinnert“, klagte ich Schimanko eines Tages mein Leid, was dieser mit einem wissenden Blick und einem breiten und verständnisvollen Grinsen quittierte.

Nicht nur wir beiden kritisierten, dass die Ausbilder im Unteroffiziers- und Offiziersrang bei unseren seltenen Gefechtsübungen in der Lobau ihr Mittagessen an einem mitgeführten Essenstisch einnahmen, der von Ordonanzen zuvor mit einem weißen Tischtuch eingedeckt worden war, während der Rest der Kompanie auf dem nackten Au-Boden saß und aus dem Blechnapf fraß.

Von den Plaudereien mit Schimanko wusste ich, dass er bereits andere Berufs- und Lebenspläne für sich wälzte. Er war zwar der geborene Soldat, doch zu intelligent, zu umtriebig und zu rührig, um als Bundesheer-Vizeleutnant sein Berufsleben bei der Garde zu beschließen.

Aus diesem Grund wird er das Militär auch bald verlassen, um in wenigen Jahren als Nachtlokalkönig von Wien zu reüssieren. Aber dem Heer, insbesondere dem Jagdkommando, wird Schimanko Zeit seines Lebens verbunden bleiben.

Ich verließ die Garde und wurde auch ein „Ranger“

Auch wenn das Gardebataillon letztlich in keiner Weise meinen Vorstellungen von einem harten Kampfverband entsprach, so war es doch eine prestigeträchtige Truppe und oft im Fernsehen zu sehen. Denn am Flughafen in Schwechat oder auf dem Ballhausplatz waren ständig irgendwelche Staatsgäste zu empfangen.

Doch die Ehre, zu den Akteuren des militärischen, österreichischen Staatsempfangskomitees zu gehören, vermochte meine Sehnsucht nach einer militärischen Ausbildung à la US-„Green Berets“ (auch Grüne Teufel genannt) nicht zu stillen.

Auf dem „Kinderspielpatz“ der Kaserne – so nannten wir süffisant unsere kleine Übungsstätte für schnelle Trainings von Bewegungsübungen im Freien – klagte ich in einer Pause Schimanko erneut meine Unzufriedenheit, worauf er mir riet, mich doch „für Hainburg zu melden.“ Dabei hörte ich erstmals den Namen des Ortes im östlichsten niederösterreichischen Herrgottswinkel, der seit kurzem der Standort für die „Ranger“ Ausbildung war.

Diese gehörte zum Verband der Heeressport- und Nahkampfschule (HSNS), deren Kommando sich zufälligerweise im selben Gebäude befand, wie unsere Garde-Ausbildungskompanie. Bei der HSNS erkundigte ich mich wegen der Aufnahmekriterien.

Dabei erfuhr ich, dass es diese Art der Spezialkämpfer-Ausbildung erst seit 1963 im Bundesheer gibt. Das Vorbild dafür waren die Lehrgänge der US-Ranger gewesen, die damals überwiegend im vietnamesischen Dschungel operierten. Da aber die österreichischen Ranger zu meiner Zeit nur für den Einsatz in der eigenen Heimat ausgebildet wurden, hatte man die amerikanischen Ausbildungspläne zwar übernommen, diese aber für die Verhältnisse in unseren Breiten adaptiert.

Denn im Fall einer feindlichen Invasion sollten sich die Jagdkommandosoldaten in die heimischen Wälder und Berge verziehen, um von dort aus den Feind in der Ebene durch überfallsartige Aktionen bekämpfen und zermürben. Im Ernstfall würden die Bundesheer-Guerilla-Krieger ganz auf sich allein gestellt sein und sich bei ihren Einsätzen auch selbst versorgen und ernähren müssen.

Auf den Verzehr von Schlangen, wie bei den US-Rangern gelehrt, würden Austro-Ranger freilich verzichten können, weil sich in unserem Land wesentlich schmackhaftere Tiere zum Verspeisen finden ließen. Trotzdem sollte das Wort „Schlangenfresser“, das man mit den Ausbildungsvorschriften aus den USA importiert hatte, noch lang die umgangssprachliche Zweitbezeichnung für das Jagdkommando sein.

Bei den „Rangern“ in Hainburg

Ich war begeistert. Das war eine Truppe ganz nach meinem Geschmack. Hainburg, ich komme! Doch um dorthin zu gelangen, würde ich zuvor eine dreijährige Dienstverpflichtung unterschreiben müssen, was ich schließlich auch tat. 1970 absolvierte ich schließlich erfolgreich den 8. Jagdkommandokurs und gehörte den „Rangern dann noch weitere zwei Jahre an. Aber das ist eine andere Geschichte.

Alle Bilder (c) Kurt Guggenbichler